Raum für Bücher

buecherberg mit

Welch ein schöner Titel: «Lebendiges Buch!» So hiess eine Tagung, an der ich kürzlich  teilgenommen habe, und nach einem Samstag mit vielfältigen Vorträgen und Gesprächen hatte sich bestätigt: Wie toll Bücher doch sind!

Es kann nie genug Bücher geben, und doch gibt es so viele davon. Unsere Bücherräume, mitsamt jenen der Organisationen, die wir aufgebaut haben, platzen aus allen Nähten. Wer könnte allerdings mit gutem Gewissen Bücher entsorgen, gar fortwerfen?

Deshalb wird mit dem «bücherraum f» eine neue Bibliothek in Zürich entstehen. Sie soll Geschichte aufbewahren und aktualisieren. Der «bücherraum f» setzt sich aus zwei Hauptbeständen zusammen. Da ist die Sammlung, die sich um die Zeitschrift «Widerspruch» herum gebildet hat: In 36 Jahren sind manche Bände zu Politik, Philosophie, Sozialwissenschaften und Psychologie ebenso wie zahlreiche Zeitschriften und Dossiers zu  einzelnen Themenheften zusammengekommen. Und da ist die Frauenlesbenbibliothek «schema f», mit einem weiten Spektrum an Literatur und Theorie, die im Zürcher Frauenzentrum untergebracht war und 2008 dort ausziehen musste. Seither schlummert sie in einem Lagerraum und kann nicht öffentlich benutzt werden, so wenig wie die «Widerspruch»-Bibliothek.

Im «bücherraum f» sollen beide Sammlungen zugänglich werden. Ergänzt durch ausgewählte Stücke aus Privatbibliotheken.

Bücher aufstellen aber reicht nicht. Ein Buch lebt erst im Lesen und im Austausch darüber, es muss Leserinnen und Leser finden. Deshalb ist der «bücherraum f» als ein kleiner Kulturtreffpunkt für verschiedenste Aktivitäten gedacht.

Inmitten der etwa 18’000 Bücher und Zeitschriften soll ein Ort für Recherchen und Lektüren sowie Reflexionen und Diskussionen entstehen. Konkret werden im «bücherraum f» Arbeitsmöglichkeiten geschaffen, es wird Platz für Sitzungen und Lesezirkel zur Verfügung stehen, und es werden Kultur- und Politveranstaltungen in kleinerem Rahmen stattfinden.

Gibt es solche Orte nicht schon? Das Sozialarchiv in Zürich enthält ziemlich viele Bücher aus dem links-alternativ-feministischen Spektrum, und die Bestände von Theo Pinkus in der Zentralbibliothek tun das erst recht. Aber der «bücherraum f» kann eine eigenständige Identität anbieten. In den Beständen von «schema f» finden sich Lesben- und Frauenkrimis oder Berg- und Wanderbücher. Es gibt Bücher aus Eigenverlagen, Broschüren von Lesbengruppen, feministischen Organisationen und Gewerkschaften zu Frauenthemen, universitäre Abschlussarbeiten. Beim «Widerspruch» lassen sich die vielfältigen Strömungen der Kritischen Theorie verfolgen. Oder da stehen Werke von Heidegger neben denen seiner Kritiker, und so lässt sich vielleicht erschliessen, warum so etwas wie ein Linksheideggerianismus entstanden ist (und warum der falsch liegt). Dazu gibt es Dossiers zu relevanten Debatten, zu diversen Protagonisten und zu «Widerspruch»-Themenschwerpunkten. Beim taktilen Stöbern in den Beständen entstehen womöglich neue Zusammenhänge. Hier also ist Simone de Beauvoir platziert, und da drüben, oder daneben, oder dagegen, steht Jean-Paul Sartre.

Gibt es nicht auch schon vielfältige Kulturangebote? Ja. Doch mit kommerziellen Veranstaltungen will der «bücherraum f» nicht konkurrenzieren. Wir möchten ein wenig intimere, vielleicht intensivere Veranstaltungen und Diskussionen anbieten. Aus vielfältigen Interessen heraus Neuerscheinungen vorstellen, Entdeckungen aus den Beständen der Bibliothek präsentieren. Arbeitszusammenhänge dokumentieren. Von Mary Burns bis Georg Büchner, vom Populismus bis Nina Power, von Münchhausen bis Ella Maillart.

Geplant ist der «bücherraum f» an einem nicht ganz gewohnten Ort, in Oerlikon, an der Grenze zwischen dem alten Teil gegen Schwamendingen zu und dem neuen Stadtteil um den Max-Bill-Platz herum.

Oerlikon? Da scheint für StadtzürcherInnen eine psychologische Barriere zu bestehen. Was Herausforderung und Chance ist. Dezentralisierung, lokales Engagement: Das sind gute linke Stichworte. Zudem ist Oerlikon im Kommen. Institute der Universität und andere Bildungsinstitutionen bringen ein jüngeres Publikum, und die Wohnblöcke um den Max-Bill-Platz können etwas kulturelle Aufpeppung vertragen. So werden Veranstaltungen auf die Lokalität Bezug nehmen. Schliesslich sind manche jener Frauen, nach denen im neuen Oerlikon eine Strasse oder ein Platz benannt worden ist, mit Werken im «bücherraum f» vertreten.

Der «bücherraum f» wird von einem Verein getragen. An der Umsetzung sind zurzeit beteiligt: Monika Zemp, Clara Zellweger, Monika Saxer, Jonathan Pärli, Stefan Howald, Pierre Franzen, Dolores Zoé Bertschinger. Gespräche mit zusätzlichen TrägerInnen sind im Gang.

Wir können weitere Unterstützung gut gebrauchen. Einfache Vereinsmitglieder zahlen 60 Franken pro Jahr, Fördermitglieder 240 Franken. Nützen würde es uns auch, wenn unser Projekt im weiteren Umfeld bekannt gemacht würde. Und wir sind interessiert an Menschen, die Ideen für Veranstaltungen haben und diese umsetzen möchten. Zusätzliche Informationen finden sich auf unserer Website.

Stefan Howald

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s